Adam Smith und der Homo Oeconomicus

Menschenbilder in der Wirtschaft: Von Adam Smith zum Homo oeconomicus

Adam Smith // Homo oeconomicus

Der Homo oeconomicus: Basis-Modell der modernen Wirtschaftswissenschaften

Dass der Homo oeconomicus, der wirtschaftende Mensch als streng zweckrationaler Eigennutzmaximierer, kein adäquates Menschenbild darstellt, ist erstens keine Neuigkeit und wurde zweitens auch nie behauptet. Dennoch ist es in der neoklassischen Ökonomik die einzige Vorstellung vom Menschen überhaupt, wenn auch nur in Modellform. Diese alleinige Anwendung der sogenannten Rational Choice Theory bringt insofern Probleme mit sich, als dass es sich bei der Wirtschaftswissenschaft um eine Sozialwissenschaft handelt, die als solche den Menschen zum zentralen Untersuchungsgegenstand hat. Und das theoretische Rahmenwerk hat immer auch normativen Einfluss auf den Gegenstand der Betrachtung. Die Ausbreitung des egoistischen, nutzenorientierten ökonomischen Denkmusters ist bereits mehrfach nachgewiesen worden – und das nicht nur im rein wirtschaftlichen Kontext. Darüber hinaus bringt der Homo oeconomicus auch rein methodische Unzulänglichkeiten mit sich. Es bleibt fraglich, wie sich individueller Nutzen quantifizieren lassen soll und auch nicht rein egoistische Präferenzen, die jeder Mensch ohne Zweifel hat, können mit Hilfe dieses Handlungsmodells nicht ohne weiteres abgebildet werden.

Warum kommt dem Homo oeconomicus in der modernen Wirtschaftstheorie dann immer noch eine derartige Bedeutung zu? Immerhin kommt nicht einmal das einfachste Modell von Angebot und Nachfrage ohne ihn aus. Dies zeigt auch schon, wo das größte Problem liegt: Ändert man das zugrunde liegende Handlungsmodell, müsste so ziemlich die ganze Wirtschafswissenschaft umgeschrieben werden. Außerdem bringt der Homo oeconomicus durchaus seine Vorteile mit sich: Das Modell ist auf das Wesentliche reduziert, einfach und quantifizierbar. Den Menschen mit all seine Verhaltensdimensionen in eine Wissenschaft zu integrieren, dies würde einen immensen Zuwachs an Komplexität mit sich bringen.

Adam Smith // Homo oeconomicus

Ursprünge und Alternativen: Adam Smith und Amartya Sen

Aber was spräche zum Beispiel gegen eine Ergänzung oder Alternativen? In der politikwissenschaftlichen Disziplin der Internationalen Beziehungen stehen beispielsweise auch mehrere alternative Theorien zur Verfügung, die man dann – reflektiert und begründet – auf den jeweiligen Sachverhalt anwenden kann. Keine dieser Theorien, sei es Realismus, Institutionalismus oder Liberalismus, beansprucht vollständige Erklärungshoheit. Mit ihrer Hilfe lassen sich einzelne Sachverhalte jedoch wesentlich einfacher nachvollziehen und auch bis zu einem gewissen Grad vorhersagen. Natürlich spielen Zahlen und monetäre Größen in der Ökonomik eine größere Rolle als in der politischen Sphäre, weshalb man nicht völlig auf der interpretativen Ebene inhaltlich orientierter Theorien verbleiben kann. Aber ließe sich denn kein Kompromiss finden?

Adam Smith: Urvater der modernen Ökonomik als Vorbild für eine Neuausrichtung

Man könnte sich zum Beispiel wieder enger an den immer noch viel gepriesenen Urvater der Ökonomik halten: Adam Smith. Dieser hat qua seiner Profession als Moralphilosoph seiner nationalökonomischen Theorie (vgl. Adam Smith, Wohlstand der Nationen) ein facettenreiches Bild des wirtschaftenden Menschen (vgl. Adam Smith, Theorie der moralischen Gefühle) unterlegt. Entsprechend dem heutigen Stand der Forschung bauen die beiden Hauptwerke Smiths aufeinander auf und stehen sich nicht kontradiktorisch gegenüber, auch wenn dies auf den ersten Blick so erscheinen mag. Adam Smith vertrat die grundlegende Einsicht, dass der wirtschaftende Mensch nur bedingt getrennt vom handelnden Menschen an sich betrachtet werden kann. (Siehe hierzu auch: Pierre-Christian Fink: Auf der Suche nach Adam Smith)

Hier darf jedoch nicht vergessen werden, dass es immer schwierig ist, heuristische, subjektive und interpretative Elemente mit der naturwissenschaftlich orientierten, quantifizierbaren, objektiv-prädiktiven Ebene überein zu bringen. So sind die ökonomischen Theorien Smiths erst im Nachhinein vereinfacht worden und ließen sich im Original wohl kaum auf mathematische Modelle reduzieren.

Amartya Sen und Ulrich Hemel: Reduktion von Komplexität durch systematische Erfassung

Anlehnend an Adam Smith hat Amartya Sen einen sinnvollen Ansatz zur methodisch strukturierten Integration heuristischer Aspekte mit seinem Capabilities Approach entwickelt. Er zeigt Methoden auf, wie interpretative und komplexe Elemente, wie zum Beispiel das Verhalten des wirtschaftenden Menschen, transparent und strukturiert in sozialwissenschaftliche Forschung eingehen können. Dies geschieht über eine systematische Erfassung anhand vorgegebener Kriterien, um so eine bestmögliche Vergleichbarkeit und Objektivierung zu ermöglichen. Ähnlich geht Ulrich Hemel vor mit seiner Grundlegung einer Wirtschaftsanthropologie als Ergänzung zur Rational Choice Theory vor: Auch er setzt sich für eine mehrdimensionale und interdisziplinäre Verbindung empirischer und normativer Elemente des wirtschaftenden Menschen und deren systematische Erfassung ein.

Ob einer dieser Ansätze der Komplexität eines umfassenden ökonomischen Menschenbildes derart entgegenwirken kann, als dass er sich als Ergänzung oder gar gleichwertige Alternative zur Rational Choice Theory durchsetzen könnte, bleibt fraglich und bedarf weiterer Untersuchung. Es zeigt sich aber, dass man dem wirtschaftenden Menschen in der Theorie auf unterschiedliche Weise begegnen kann und keineswegs auf die Rational Choice Theory als einzige Möglichkeit angewiesen ist. Auch wenn eine empirisch-naturalistische Herangehensweise sicherlich sinnvoll ist aufgrund ihrer Objektivität, zeigen Sen und Hemel, aufbauend auf Adam Smith, Wege auf, diese mit – in Bezug auf den Menschen unerlässlichen – normativen und interpretativen Elementen zu verbinden, um so die Lebenswirklichkeit des wirtschaftenden Menschen einzufangen.

Literatur:

  • Karl Ballestrem (2001): Adam Smith. Originalausg. München.
  • Pierre-Christian Fink (2013): Auf der Suche nach Adam Smith, Zeit Online. Online verfügbar.
  • Christian Haller (2012): Menschenbild und Wirtschaft. Eine philosophische Kritik und Erweiterung des Homo oeconomicus. Marburg.
  • Ulrich Hemel (im Erscheinen): Wirtschaftsanthropologie, Problem und Perspektiven – eine Grundlegung. In: Dierksmeier, Claus; Hemel, Ulrich; Manemann, Jürgen (im Erscheinen): Wirtschaftsanthropologie, Baden-Baden: Nomos. Online verfügbar.
  • Sonja Knobbe (im Erscheinen): Auf der Suche nach dem Faktor ‚Mensch‘ in der Wirtschaft. A. Sens Capability Approach aus wirtschaftsanthropologischer Perspektive. In: Dierksmeier, Claus; Hemel, Ulrich; Manemann, Jürgen (im Erscheinen): Wirtschaftsanthropologie, Baden-Baden: Nomos.
  • Amartya Sen (2007): Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. München.
  • Adam Smith (2009): Theorie der ethischen Gefühle. 1. Aufl. Hamburg.
  • Adam Smith (2009): Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Volkswohlstandes. (der Wohlstand der Nationen). 1. Aufl. Frankfurt a.M..
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Über Sonja Knobbe

Sonja Knobbe ist seit 2011 am IfS tätig und vornehmlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Sie studierte in Mannheim und Toronto Philosophie, Betriebswirtschaftslehre und Politik und spezialisierte sich an der Ruhr-Uni Bochum im Rahmen des Masterprogramms “Ethics- Economics, Law and Politics” auf Wirtschaftsphilosophie.
Derzeit analysiert sie am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der TU Dortmund im Rahmen eines Promotionsprojektes den Begriff des wirtschaftlichen Handelns.

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