Arbeit und Erwerbsverlauf 2.0

Arbeit

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Arbeit wird für den Einzelnen immer wichtiger. Wir leben in einer modernen, globalisierten und digitalisierten Gesellschaft. Haushalts- und Familienformen zeigen sich in genauso zahlreichen Facetten wie Lebensstile und Milieus. Der Arbeitsmarkt erfährt einen steten Wandel und die Individualisierung nimmt ihren Lauf. Schon längst hat sich die einfache Formel der Dreiteilung des Lebenslaufs verändert: Die Vorbereitungs- und Aktivitätsphase haben eine maßgebliche Ausdehnung erfahren, die Ruhephase ist weiter nach hinten gerückt. Das Bildungssystem sieht eine längere Schulbildung vor und die Arbeitsmarktpolitik eine ausgiebigere Hingabe der arbeitenden Bevölkerung. Erwerb und Arbeit ist Garant für gesellschaftliche Teilhabe und Integration. Der Lebensverlauf ist maßgeblich durch Erwerbsarbeit strukturiert, was sowohl die aktive Erwerbsphase als auch die Vor- und Nacherwerbsphase betrifft. Institutionelle Sicherungssysteme richten sich ebenfalls entlang dieser Phasen.

Einstieg in die Welt der Arbeit: Postadoleszenz als Phase der absoluten Unsicherheit  

Eine Ausbildung im Betrieb machen und danach auch dort durchstarten? Wenngleich die Jugendarbeitslosigkeit durch das duale Ausbildungssystem in Deutschland noch immer gering ist, gilt dieses Karrieremuster heute kaum noch. Auch in Deutschland wird der Berufseinstieg für junge Menschen immer schwerer. Nach dem Studium sehen sich Berufseinsteiger enormen Ansprüchen der Arbeitergeber gegenüber: mehrjährige Berufserfahrung, Auslandserfahrung, Englisch auf Muttersprachlerniveau, Promotion und dabei am besten nicht älter als 25 Jahre sein. Ein wenig überspitzt lassen sich damit 90 Prozent der Stellenanzeigen zusammenfassen.

Jugendliche verbringen zunehmend mehr Zeit im Bildungssystem. Hatte die Bolognareform u.a. das Ziel verfolgt, die Zeit bis zum Berufseinstieg zu verkürzen, verzögern nun – die zur nahezu ausnahmslosen Bedingung gewordenen – qualifizierenden Praktika und Auslandserfahrungen den Eintritt in das Erwerbsleben. Weiterhin geben sich wohl die wenigsten Studierenden mit einem Bachelorabschluss zufrieden, der bereits berufsqualifizierend gedacht war. Da sich dies auf dem Arbeitsmarkt für die allermeisten Studienfächer als nicht ausreichend erweist, erhöht sich die Studiendauer um mindestens weitere vier Semester.

In dieser Zeit leben die jungen Erwachsenen in einer Phase der Unsicherheit. Sozio-kulturelle Selbstständigkeit geht einher mit ökonomischer Unselbstständigkeit, der Aspekt einer Familiengründung rückt in den Hintergrund. Die Erstplatzierung auf dem Arbeitsmarkt ist mehr denn je die schwierigste und wesentlich für die Karriere des Einzelnen. Berufseinsteiger müssen große Eigenverantwortlichkeit zeigen und selbstreferenziell Konsequenzen ihres Handelns einkalkulieren.

Arbeit in der Wissensgesellschaft heißt Flexibilität und Mobilität für den Arbeitskraftunternehmer

Mobilität erscheint als Wille und Bereitschaft, ins Ausland zu gehen. Interkulturelle Kompetenz und Spracherfahrung sind Schlüsselwörter für den Zugang zum Arbeitsmarkt und nahezu unverzichtbar. Schon lange wendete man sich von der Kaminkarriere und der damit verbundenen Vorstellung des kontinuierlichen Aufstiegs mittels Arbeit in dem einen Unternehmen ab. Senioritätsregelungen mussten ebenso weichen wie die Möglichkeit zur Langfristorientierung. Arbeitsverträge sind zunehmend befristet und gleichen kurzfristigen Austauschbeziehungen. Der Mensch wird zum Arbeitskraftunternehmer, der sich fortlaufend selbst organisieren und positionieren muss. Permanente Wissensergänzung und Erfolg sind Schlüsselwörter für eine lückenlose Teilhabe im Erwerbssystem. Ein stabiler Erwerbsverlauf erfordert mehr denn je die Eigenverantwortlichkeit des Individuums.

Was bedeutet all dies nun für den Einzelnen? Zunächst einmal erfordert es Flexibilität. Individuen müssen bereit sein, ihren Lebensverlauf ständig umzuplanen und den aktuellen Bedingungen zugunsten von Arbeit anzupassen. Dies eröffnet ihnen viele Freiheiten, birgt aber auch viele Unsicherheiten. Von einem Normalarbeitsverhältnis, das die eine Festanstellung einschließt, kann nicht mehr die Rede sein. Normal ist, was flexibel ist: das Leben muss fortan weit mehr um das Erwerbssystem strukturiert werden. Wohnorts- und Jobwechsel werden zur Normalität.

Inkrementalismus als Muster der Gestaltung von Erwerbs- und Lebensverlauf

Als Nebeneffekt des Modernisierungsprozesses kommt es häufig zu nicht planbaren Ereignissen, die durch einen institutionellen Wandel unterstützt werden. Biografische Sicherheit wird von biografischer Unsicherheit abgelöst. In einer individualisierten Gesellschaftsform ist jeder Einzelne fortwährend verantwortlich für die gelingende Konstruktion seines Lebensverlaufs. Kleinschrittig muss so geplant werden, dass die veranlassten Veränderungen kontrolliert, die Maßnahmen korrigiert und möglicherweise aufgehoben werden können.

Die Arbeit der Zukunft: Subjektivierung, Flexibilisierung und Entgrenzung

Modernisierte Erwerbsverläufe orientieren sich an den Anforderungen, die es als Arbeitskraftunternehmer zu erfüllen gilt: Eigenverantwortliche Planung des (beruflichen) Erfolges bei allgewaltiger räumlicher und zeitlicher Flexibilität, die soweit geht, dass Arbeit und Privatleben kaum noch voneinander zu trennen sind.

Wie nun gezeigt wurde, erlebt der Einzelne all dies mit einem Gefühl der Unsicherheit. Unsicherheit hinsichtlich seines Erwerbs- aber auch Lebensverlaufs. In Zeiten, in denen kaum noch Langzeitarbeitsverhältnisse bestehen und das Individuum bei der Familiengründung nicht mehr an einen Ort gefestigt sein kann, muss die individuelle Sicherung anderweitig erfolgen. Hier muss es Aufgabe der Politik sein, ein neues Leitbild der Arbeitsmarktpolitik zu entwerfen, das Erwerbstätige bei der Karriereplanung unterstützt und Flexibilität belohnt. Besonders wichtig ist, dass sich die Politik als Herr und Kenner der Lage beweist und in Zeiten der Unsicherheit für Bürgerinnen und Bürger da ist.

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