Compliance in der Kirche: Die kirchliche Zivilgesellschaft neu denken

Wenn die Kirche Gegenstand von Compliance-Überlegungen wird, ist dies so logisch wie überraschend

Adam Smith // Homo oeconomicus // Compliance

Dass Personen und Institutionen Spielregeln beachten sollen, und auch dass Spielregeln sich gelegentlich ändern, ist nichts Neues.Die massiven gesellschaftlichen Vertrauensverluste gegenüber großen Institutionen wie Parteien, Gewerkschaften, Konzernen, speziell Banken, haben freilich eine neue Kultur der „Spielregel-Beachtung“ gefördert, die sich in der semantischen Karriere des Begriffs Compliance ausdrückt.

Wenn die Kirche Gegenstand von Compliance-Überlegungen wird, ist dies so logisch wie überraschend. Die katholische und die evangelische Kirche beschäftigen allein in Deutschland rund 1 Mio. Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Sie setzen gemeinsam über 10 Mrd. Euro um und sind aufgrund ihres hohen sozialen Engagements in Kindergärten, Krankenhäusern, Pflegeheimen und vielem mehr zunächst einmal Kronzeugen für „Corporate Social Responsibility“.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist eine tiefe Vertrauenskrise, die 2010 durch die Pädophilie-Skandale, 2013 durch den Umgang mit Kirchengeldern im Bistum Limburg, namentlich durch Bischof Tebartz-van Elst, noch verschärft wurde und die zu zahlreichen Kirchenaustritten führte. Da hilft es wenig, dass ein Bistum Hildesheim (und auch Essen) schon seit Jahren professionelle und transparente Rechenschaftsberichte abgeben und veröffentlichen: Zunächst ist die Kirche selbst am Pranger.

Kirche ist schließlich mehr als eine kleiner werdende Schar geweihter Amtsträger

Genau hier aber fängt das Nachdenken an. Die Kirche ist schließlich mehr als eine kleiner werdende Schar geweihter Amtsträger. Compliance in der Kirche und für die Kirche hat insofern zumindest zwei Achsen: Das eine ist die berechtigte Forderung nach mehr Transparenz beim Umgang mit kirchlichen Geldern, das andere ist die Krise eines klerikalen Kirchenmodells. Gefordert ist dabei eine Entmythologisierung kirchlicher Führungsstruktur und Führungskultur. So wie es in den letzten Jahren – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt – trotz allem einen Professionalisierungsschub in der kirchlichen Finanzverwaltung gegeben hat, so ist auch die Frage nach Compliance in der Kirche und für die Kirche vor dem Hintergrund der Frage nach Kirchenleitung und Kirchenführung neu zu stellen. Ins Spiel kommt dann etwa die kirchliche Zivilgesellschaft, die legitime Anforderungen an ihre Kirchenleitungen stellt. Ein Bischof kann dann nicht mehr einfach gegen den Willen seiner lokalen kirchlichen Zivilgesellschaft „durchgehalten“ werden. Er muss Rechenschaft ablegen und Verantwortung übernehmen.

Kirche muss und darf von ihrem Selbstverständnis her eine Vorreiterin in Sachen Transparenz und Compliance sein

Theologische und organisatorische, speziell auch finanzwirtschaftliche Anforderungen gehen dabei Hand in Hand. Kirche muss und darf von ihrem Selbstverständnis her eine Vorreiterin in Sachen Transparenz und Compliance sein. Ihr Wirken ist von Haus aus öffentlich – was dezidierte Schutzräume für spirituelle und religiöse Aktivitäten keineswegs ausschließt. Es ist geradezu ein Paradox der Kirchengeschichte, dass nun sozusagen „von außen“ Compliance und Good Corporate Governance von der Kirche eingefordert werden müssen.

Eine weitere, oft übersehene Facette ist die ungeheure Vielfalt kirchlichen Lebens. Es gibt eben – entgegen dem Anschein – keine Zentralinstanz der evangelischen oder katholischen Kirche in Deutschland, bei der alle finanziellen Fäden zusammen laufen. Da gibt es Hilfswerke wie „Misereor“ oder „Brot für die Welt“, im katholischen Bereich auch Ordensgemeinschaften wie die Jesuiten, Benediktiner oder Franziskaner, in der evangelischen und der katholischen Kirche aber auch Gebietskörperschaften wie Bistümer oder Pfarrgemeinden, Stiftungen oder Verbände, Schulen und Universitäten, die alle auch ihren eigenen rechtlichen Mantel haben. Es ist eine Sisyphus-Aufgabe, aber kein Ding der Unmöglichkeit, hier generelle Standards für die Transparenz der Rechnungslegung, die Einhaltung von Spielregeln und deren Überwachung zu formulieren und umzusetzen. Die Kirche wird sich dieser Aufgabe zu stellen haben.

Es geht um nichts weniger als um eine Revolution kirchlicher Führungskultur

Wir stehen hier vor einer extrem spannenden Aufgabe, denn es geht um nichts weniger als um eine Revolution kirchlicher Führungskultur. Zu lernen wäre dabei, dass spirituelle und religiöse Kompetenz nicht immer mit der Fähigkeit zur Führung von Organisationen und zum Verwalten von Finanzmitteln einhergehen muss. Das Evangelium verkünden und eine Gemeinde leiten, das sind zwei verschiedene Aufgaben. Würde dies umgesetzt, wäre dies auch für eine Reihe von Kirchenmännern und Kirchenfrauen enorm entlastend. Was hier nur heißt: Compliance ist eben mehr als Compliance – es geht um neue Spielregeln über die Beachtung der bisher geltenden hinaus. Das aber ist auch eine neue Chance für die Kirche!

Erschienen im Compliance-Berater | 9/2013 | 2.12.2013

Share!
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Impulse und verschlagwortet mit , von Ulrich Hemel. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Ulrich Hemel

Ulrich Hemel ist Direktor des IfS, Vorstandsvorsitzender des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover und geschäftsführender Gesellschafter der „Strategie und Wert Beratungs- und Beteiligungs-GmbH“.

Er hat umfangreiche Managementerfahrung u.a. bei The Boston Consulting Group, als CEO der Paul Hartmann AG und beim Pflegeheimbetreiber Casa Reha gesammelt.

Ein Gedanke zu „Compliance in der Kirche: Die kirchliche Zivilgesellschaft neu denken

  1. Auch wenn „Compliance“ im engen Wortsinne mit „Regeleinhaltung“ bestehender Vorgaben übersetzt wird, so gibt es jenseits aller (berechtigten) Forderungen zu Transparenz noch Nachholbedarf: Wenn die schon aktuell bestehenden Compliance-Vorgaben des Kirchenrechtes eingehalten worden wären, dann wären Prüfern die exorbitanten Baukkosten des Limburger Bischofshauses und dann hätte das Erzbistum Berlin lange vor dem Fastbankrott 2003 die finanzielle Notbremse gezogen.
    Anzumahnen ist daneben eine stärkere Öffnung der theologischen Grundüberlegungen für Verwaltungsanliegen bei strukturellen Fragen: Wenn Pfarrer mehr Leitungsaufgaben abgeben könnten, bliebe mehr Energie für die Seelsorge, wenn Finanzdirektoren in der Bistumshierarchie nicht erst in dritter oder vierter Ebene auftauchen würden, erhielten ihre Anliegen besseres Gehör etc. pp.
    Ganz gleich, welches Kirchenbild zugrunde gelegt wird und welche Rolle Priestern zukommt, notwendig ist erstens eine Professionalisierung in Fragen des Managements, und da gehört Compliance im Kern dazu. Zweitens muss dazu die Einsicht kommen, dass man mit Transparenzoffensiven keine Angst vor der Öffentlichkeit haben muss, die dann über eine „reiche Kirche“ schimpfen wird. Unter der dünnen Schicht des reißerischen Boulevards verbirgt sich in der Allgemeinheit die Zustimmung, dass für Pensionsrücklagen, zur Bauunterhaltung und als Notnagel gewisse materielle Werte auf der hohen Kante liegen müssen, um verantwortlich wirtschaften zu können. Dass eine arme Kirche nicht gleichzeitig Arbeitgeber und Anbieter vielfältiger Sozialleistungen sein kann, dürfte jedem klar sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.