Gutes Zusammenleben erfordert einen demokratiefähigen Islam

Islam

Farrokh_Bulsara / Pixabay

Religiöse Fragen haben in der öffentlichen Debatte in den letzten dreißig Jahren eine immer geringere Rolle gespielt. Noch unter Papst Johannes Paul II. war ein Papstbesuch im Ausland eine Schlagzeile auf dem Titelblatt der Zeitungen. Heute läuft selbst die Bischofssynode zu Fragen von Ehe und Familie eher unter „Vermischtes“.

Gleichzeitig ist eine immer weiter gehende Säkularisierung der Gesellschaft ausgeblieben. Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt zwar ab und liegt nun bei jeweils rund 23 Millionen für die evangelische und für die katholische Kirche in Deutschland. Dazu kommen aber fast 2 Millionen Orthodoxe Christen, aber auch Angehörige anderer Religionen wie des Judentums und insbesondere des Islam. Dieser zählt rund 4 Millionen Anhänger allein in Deutschland, darunter in der Zwischenzeit auch einige Tausend zum Islam konvertierte Deutsche.

Aufgrund des nachgeholten Bürgerkriegs im Mittleren Osten, über 100 Jahre nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches, stellt sich die Frage des guten Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft speziell im Blick auf den Islam. Denn dieser hat eine Reihe von extremistischen Ausprägungen wie Al-Qaida und den IS oder „Islamischen Staat“ hervor gebracht. Bei Anhängern solcher Richtungen ist eine ausgeprägte Verachtung westlicher Lebensart, demokratischer Rechtsordnung und religiöser Toleranz festzustellen. Darüber hinaus zeichnet sich speziell der „Islamische Staat“ durch eine virtuose Nutzung sozialer Netzwerke aus, bei der beispielsweise die Darstellung von grausamen Hinrichtungen als religiöse Propaganda missbraucht wird.

Es fehlt aber eine Auseinandersetzung mit der Frage des guten Zusammenlebens

In der öffentlichen Debatte wird zwar über die Gefahr des islamischen Terrorismus gesprochen. Es fehlt aber eine Auseinandersetzung mit der Frage des guten Zusammenlebens von Anhängern und Anhängerinnen aller in Deutschland vertretenen Religionen. Übersehen wird beispielsweise auch der Jahrhunderte lange Lernprozess bis zur Demokratiefähigkeit des Christentums. Während der Protestantismus eine große Staatsnähe pflegte, bildete sich im Katholizismus mit der ultramontanen Bewegung des 19.Jahrhunderts eine eigene Struktur aus, die von der zentralen Rolle von Papst und Bischöfen ausging und in der Kirche (als „societas perfecta) im Grunde eine eigene Gesellschaft- man könnte auch sagen „Parallelgesellschaft“- sah. Erst 1965 erkannte das II.Vatikanische Konzil in seiner Konstitution „Nostra Aetate“ die Religionsfreiheit als Menschenrecht an. Die damals kritisch gesinnten Konzilsteilnehmer argumentierten dagegen, man dürfe dem Irrtum keinen Raum einräumen!

Solche Fragen spielen in der heutigen öffentlichen Debatte zu Unrecht keine Rolle. Aus Sicht einer Religion, die für sich Wahrheit reklamiert, sind andere religiöse und weltanschauliche Auffassungen freilich schlicht unwahr. Gleiches gilt für Anhänger eines humanistisch-wissenschaftlichen Weltbildes: Aus ihrer Sicht ist die Lehre darüber, dass es einen Gott gibt, unwahr. Besonders schwierig wird es dort, wo beispielsweise das arabische Wort Al-Din nicht als „die Religion“ bezeichnet wird, sondern als synonym mit „die wahre Religion“. Dann sind nämlich alle, die dieser Religion nicht folgen, Abtrünnige, Ungläubige, Ketzer oder Häretiker- je nach Standpunkt.

Die Religionskriege des 16./17.Jahrhunderts in Europa bis hin zum protestantisch-katholischen Nordirlandkonflikt am Ende des 20.Jahrhunderts zeigen auf, dass religiöse Auseinandersetzungen sehr wohl zur Geschichte Europas gehören. Zu dieser Geschichte gehört aber auch ein politischer und religiöser Lernprozess. Dieser führt idealerweise zum friedlichen Zusammenleben in einer Gesellschaft, die Toleranz lebt, aber auch Toleranz einfordert. Toleranz ist bekanntermaßen nicht Gleichgültigkeit, denn das wäre Indifferenz. Toleranz ist vielmehr das aktive Eintreten dafür, dass Menschen nach ihrer eigenen Überzeugung leben können und dürfen. Anders gesagt: Das Zusammenleben unter der etwas paradoxen Prämisse, dass der andere (und jeder selbst) ein „Recht auf Irrtum“ hat.

Ein „Recht auf Irrtum“ als Kernforderung

Dieses „Recht auf Irrtum“ als Kernforderung gelebter Meinungs- und Religionsfreiheit ist wesentlich für ein gutes Zusammenleben in einem demokratischen Gemeinwesen. Es handelt sich allerdings um ein symmetrisches Recht, welches nur in dem Maß verwirklicht werden kann, wie ich es auch für andere und wie es andere auch für mich gelten lassen.

Bestimmte Strömungen des heutigen Islam haben Schwierigkeiten damit, die Regelungshoheit eines demokratischen Staates für das gesellschaftliche Zusammenleben anzuerkennen. Aus ihrer Sicht ist das Zusammenleben durch Gott und sein göttliches Wort im Koran ausreichend, aber auch definitiv geregelt. Staatliche Regelungen können und dürfen zum Koran nicht in Konkurrenz, noch weniger in Konflikt treten. Fromme Muslime setzen sich aus ihrer Sicht für Gott und die Wahrheit ein, wenn sie den Irrtum derjenigen staatlichen Regeln einer westlichen Demokratie bekämpfen, die nicht islamgemäß sind.

Vor nicht allzu langer Zeit haben aber auch Christinnen und Christen gefordert, dass ihre eigenen ethischen Vorstellungen beispielsweise zur Ehescheidung, zur Abtreibung und zu anderen Fragen des gesellschaftlichen Lebens in ein allgemeines Gesetz gegossen werden. Erst in den letzten 20-30 Jahren haben auch die christlichen Kirchen gelernt, dass sie sehr wohl nach ihren Überzeugungen auch dann leben können, wenn diese nicht als allgemeines Gesetz für alle verpflichtend gemacht werden.

Demokratischer Lernprozess für den Islam in Deutschland

Ein solcher demokratischer Lernprozess ist auch für den Islam und die heute in Deutschland lebenden Muslime und Musliminnen zu fordern. Ein Anfang dazu ist der islamische Religionsunterricht in deutscher Sprache an öffentlichen Schulen. Wie beim katholischen oder evangelischen Religionsunterricht werden hier die Lehrpläne und Lehrinhalte sowohl von einer religiösen Instanz auf ihre religiösen Inhalte wie von einer staatlichen Instanz auf ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz überprüft. Und auch in diesem Bereich gab und gibt es nicht nur islamische, sondern auch christliche Strömungen, die sich für eine Abkehr von der öffentlichen Schule aussprechen, weil man eben lieber unter sich bleiben möchte. Geht man aber davon aus, dass Religion unweigerlich Teil des öffentlichen und des privaten Lebens ist und wohl auch bleibt, haben Schülerinnen und Schüler das Recht, in ihrem Bildungsgang an der öffentlichen Schule auch über diesen Bereich so über Religion informiert zu werden, dass diese in einer demokratischen Gesellschaft gelebt werden kann.

Dies ist eine klare Absage an extremistische Strömungen im Christentum, im Islam, aber natürlich auch im Judentum oder im Hinduismus. Wer Religionsfreiheit will, kann aber ohne eine demokratiefähige Religion nicht gut leben. Es ist daher an der Zeit, dass islamische Organisationen, christliche Kirchen, politische Parteien, aber auch Medien und Vertreter der Zivilgesellschaft sich öffentlich und klar für die Demokratiefähigkeit der hier und heute lebenden Religionen einsetzen- auch für die des Islam!

Literaturhinweis: Jan.Heiner Tück (Hrsg.), Sterben für Gott- Töten für Gott? Religion, Martyrium und Gewalt, Freiburg/Br. 2015

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