Notfallseelsorge – Ein Paradebeispiel kirchlicher Zivilgesellschaft

Notfallseelsorge

Hans / Pixabay

Die Kirchen in Deutschland suchen ihre Rolle in der Zivilgesellschaft.

Waren sie vor wenigen Jahrzehnten noch die prägenste Kraft, so schwindet ihr Einfluss auf diese. Gesucht werden Wege, wie in der heutigen Gesellschaft das Evangelium als frohe Botschaft verkündet werden kann. Um von dieser Botschaft nicht nur zu sprechen, sondern nach ihr zu handeln, bringen sich die Kirchen gesellschaftliche durch viele Aufgaben ein. Das beschränkt sich nicht auf die Übernahme von sozialstaatlicher Verantwortung, wie es die Caritas und Diakonie mit ihren mehr als einer Million Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen macht und als Dachmarke für große Gesundheitskonzerne dient, sondern auch durch die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement.

Dieses zumeist ehrenamtlich getragene Engagement ist das Herzstück für die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft in der Gesellschaft: Wenn selbstlos Notleidende unterstützt werden, dann zollt die Gesellschaft höchsten Respekt und zeigt sich beeindruckt.

Ein beeindruckendes Beispiel, wie mit wachem Auge ein neues Betätigungsfeld gefunden wurde, ist die Notfallseelsorge. Wenn Todesnachrichten nach Unfällen oder Suiziden den Angehörigen übermittelt werden, wenn bei häuslichen Todesfällen die Mitmenschen hilflos in tiefer Trauer zurückbleiben oder Einsatzkräfte nach ihrer Arbeit bei schweren Unfällen diese selbst verarbeiten müssen, dann werden die Menschen der Notfallseelsorge gerufen, die Zeit mitbringen und für tröstende Gespräche bereitstehen.

Notfallseelsorge: Kriterien

Um als Paradebeispiel für zivilgesellschaftliches Engagement der Kirchen bezeichnet werden zu können, erfüllt die Notfallseelsorge drei vorbildliche und zukunftsweisende Kriterien:

  • Not sehen und Lösungen finden: Bei der Entstehung der heutigen Form der Notfallseelsorge verband sich die Orientierung an den Wurzeln des christlichen Auftrages – der Sorge um Bedürftige – mit der Wahrnehmung einer aktuellen strukturellen Not: Notärzte, Feuerwehrleute und Polizisten haben keine Zeit, nach ihrem Einsatz für ein mehrstündiges Gespräch den Angehörigen zur Verfügung zu stehen und speziell die Polizei nimmt primär hoheitliche Aufgaben wahr (Übermittlung der Todesnachricht, Ermittlungen bei ungeklärter Todesursache etc.), die sich nur bedingt mit Trösten verbinden lassen. Dass sich irgendjemand in den ersten Stunden nach dem Unglück den Angehörigen annehmen muss, war und ist die zentrale Motivation der Notfallseelsorge. Wenn sie es nicht macht, macht es niemand.
  • Selbstlos handeln und tragfähige Strukturen aufbauen: Die circa 250 lokalen Einheiten der Notfallseelsorge in Deutschland werden stark von Ehrenamtlichen geprägt. Wird allgemein das Wort Seelsorger zumeist mit hauptamtlichen Pfarrerinnen und Pfarrern verbunden, finden sich in den durchgängig überkonfessionellen Teams der Notfallseelsorge vorrangig ehrenamtliche Gläubige, die einen einschlägigen beruflichen Hintergrund haben (Psychologen, Mediziner, Sozialarbeiter etc.) und zusätzlich eine Ausbildung in der Notfallseelsorge absolviert haben. Diese Struktur macht relativ unabhängig von kirchlichen Finanzkrisen und die Unentgeltlichkeit gegenüber den Betreuten befreit vom Vorwurf, in der Notfallseelsorge ein Geschäftsfeld entdeckt zu haben.
  • Als verlässlicher Partner wirken und seine Rolle kennen: Die Notfallseelsorge arbeitet sehr eng mit den staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammen und sind eingebunden in ein Netz von anderen Helfern. Die Notfallseelsorge ist sich ihrer spezifischen Hilfsleistung bewusst, ordnet sich aber bewusst als zuverlässiger Partner den jeweils Einsatzhabenden unter: Man kann einen eigenen Beitrag leisten, ohne außerhalb des eigenen Kompetenzbereiches Einfluss auf den Gesamtablauf nehmen zu wollen. Auch innerhalb des Systems Notfallseelsorge greift man auf Partner zurück: Oftmals haben sich in einer Städten Gruppen von circa 30 Personen gefunden, die zusammen einen Bereitschaftsdienst bilden so dass jederzeit ein Seelsorger zur Verfügung steht. Koordiniert wird ein Einsatz über die Leitstelle eines Rettungsdienstes, z. B. durch das DRK. Von hier aus werden die Anfragen nach Notfallseelsorgern weitergeleitet und gegebenenfalls ein Fahrdienst bereitgestellt.

Nun ist Notfallseelsorge kein lautes Geschäft, medial wenig präsent und ein Großteil der Bundesbürger wird Gott sei Dank nie mit ihr in Kontakt kommen. Aber gerade der leise Dienst im Nachgang eines Unglücks erweist sich für die jeweils Betreuten als extrem wertvoll. Allein die Tatsache, dass jemand völlig unentgeltlich und aus christlicher Motivation im Moment größter Not da ist und tröstend zuhört, wird zuweilen als Zeichen gesehen, dass da ein Gott sein muss, der uns trägt. So einfach kann Evangelium auf den Punkt gebraucht werden und in die Gesellschaft hineinwirken.

Mehr Informationen erhalten zur Notfallseelsorge Sie hier…

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