Pflege-Arbeit, Globalisierung und Migration

Prekäre Lebenssituation als Schicksal migrierter Pflege-Arbeiterinnen

Pflege-Arbeit

longleanna / Pixabay

Die demografische Entwicklung in Deutschland erfordert einen verstärkten Bedarf an Pflege-Tätigkeiten, durch die insbesondere in den Privathaushalten pflegebedürftige Personen versorgt werden. Dies resultiert aus der staatlichen Pflegeversicherung, die als Teilsicherung nicht alle Kosten einer professionellen stationären oder ambulanten Pflege-Arbeit deckt. Die voranschreitende Globalisierung macht es möglich, dass nicht nur deutsche, sondern ebenso internationale Care-Worker diese Lücke füllen können. Anknüpfend daran wird eine zunehmende Feminisierung der Migration beobachtet: Immer mehr Migrantinnen kommen nach Deutschland, um hier Pflegetätigkeiten zu übernehmen.

Nach den Vorausberechnungen der Bevölkerungsstatistik für Deutschland zeigt sich bis in das Jahr 2060 ein steigender Altersdurchschnitt der Bevölkerung. Während 2010 noch rund 26% 65 Jahre und älter waren, werden Personen über 65 Jahren im Jahre 2030 bereits mehr als ein Drittel der Bevölkerung darstellen. Aus dieser Entwicklung heraus ergibt sich ein gesteigerter Bedarf an Pflege-Arbeit.

Bereits im Dezember 2011 wurden 2,5 Millionen Deutsche als pflegebedürftig eingestuft. 70% dieser Personen – 1,76 Millionen Menschen – werden zuhause versorgt. Dabei erfolgt die Pflege bei 1,18 Millionen Pflegebedürftigen durch Angehörige und in 576000 Haushalten durch ambulante Pflegedienste.

Die Statistik hinterlässt an dieser Stelle jedoch Unklarheiten: Wer übernimmt die häusliche Versorgung der Differenz von 4000 Personen? Kann diese Differenz durch die Arbeit (illegaler) Migrantinnen erklärt werden?

Im Zuge der zunehmenden Globalisierung und des vereinfachten Zugangs zu anderen Gesellschaften migrieren immer mehr Frauen aus wirtschaftlich schwächeren Ländern nach Deutschland, um dort die Pflege-Arbeit zu übernehmen. Häufig sind sie dabei nicht sozialversichert und haben keine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis. Ein Vertrag, der Arbeitszeiten sowie den Lohn festhält, existiert ebenfalls selten.

„Das neue Phänomen des globalen Kapitalismus ist die große Zahl weiblicher Migrantinnen aus weit entfernten Regionen der Welt, die die traditionell schlecht bezahlte Pflege-Arbeit in den Haushalten übernehmen“

(Apitzsch/Schmidbaur 2010: 13)

Das Zitat weist auf die hauptsächlichen Merkmale und Mechanismen hin, die zur Erklärung einer gesteigerten Migration von Frauen aus wirtschaftlich schwächeren Ländern zur Übernahme von Pflege-Tätigkeiten beitragen können. Die Verknüpfung zwischen der Verteilung von Geschlechterrollen, dem Kapitalismus und einem daraus resultierenden Beitrag zur Feminisierung der Migration ist dabei zentral.

Noch immer existiert das gesellschaftliche Bild der klassischen Rollenverteilung: Die Frau wird mit häuslichen und fürsorgenden Aufgaben bedacht und der Mann zum Geld verdienenden Familienernährer geformt.

Wenngleich die sogenannte Reproduktionsarbeit noch immer hauptsächlich den Frauen obliegt, geschieht ein Wandel der Karrieremuster in der deutschen Gesellschaft. Frauen streben den Männern gleich und treten in die Berufstätigkeit ein.

Die Migrantinnen kommen also in wirtschaftlich stabile Gesellschaften und üben die weiblich konnotierten Tätigkeiten der Reproduktion aus, die die Frauen dort aufgrund ihrer Karriere nicht mehr leisten können oder wollen. Für die Pflege-Arbeiterinnen ist damit die Hoffnung auf eine bezahlte Stelle verbunden, die sie in ihrem Heimatland nicht oder wesentlich geringer entlohnt erhalten hätten.

Dies bedeutet aber zugleich, dass Frauen, die qua sozialer Konstruktion für die Reproduktionsarbeit in ihrer Familie zuständig wären, als Migrantinnen in andere Länder gehen, um dort Geld zu verdienen. Dadurch hinterlassen sie eine Lücke in ihrer eigenen Familie, die diese wiederum füllen muss. Dieser Mechanismus nennt sich „care-chain“. Eine neue, internationale Form der Arbeitsteilung entsteht. Über Staatsgrenzen hinweg kommt es zu einer Umverteilung von Arbeit zwischen Frauen. Die zunehmende Globalisierung fördert diese Entwicklung dabei durch die weltweite Vernetzung von Umwelt, Wirtschaft und Bevölkerung. Zudem vereinfacht sie es, der gestiegenen Nachfrage nach Pflege-Tätigkeiten nachzukommen und ermöglicht dem jeweiligen Staat, sich von der Übernahme sozialer Fürsorge zu entlasten und diese weiterhin den Frauen zuzusprechen.

Pflege-Arbeit als Paradoxon westlicher Gesellschaften

Die Pflege-Arbeit durch Migrantinnen entspringt folglich einem Paradoxon der westlichen Gesellschaft. Während zum einen die Berufstätigkeit von Männern und Frauen im Vordergrund steht, sieht die Gesellschaft noch immer die Frauen in der Pflicht, Reproduktionsarbeiten zu übernehmen. Aufgrund dieser Entwicklungen wird die Pflege-Arbeit besonders in der deutschen Mittelschicht letztlich an Migrantinnen weitergegeben.

Hiermit zeigt sich eine Eigenlogik der Pflege-Arbeit. Während die sozialen Werte und Normen einerseits verlangen, dass Frauen die Reproduktionstätigkeiten übernehmen, wird andererseits nötig, wenn nicht sogar vorausgesetzt, dass sie berufstätig sind. Aus dieser Doppelbelastung heraus geben die Frauen die Arbeit an Migrantinnen ab.

Ferner zeigt die Weitergabe der Pflege-Arbeit ebenfalls ihren Stellenwert. Hausarbeit gilt noch immer als private, unproduktive Arbeit, die niedrig bewertet und von unteren Schichten sowie Frauen ausgeführt wird. Erst allmählich gelingt es der Pflege-Arbeit aus dem privaten Raum herauszutreten und zum öffentlichen Thema zu werden.

Eigenlogik der Pflege-Arbeit

Einen weiteren Beitrag zur Eigenlogik der Pflege-Arbeit leistet der Staat. Seine Haltung beeinflusst erheblich die gesellschaftliche Wahrnehmung der Pflegearbeiten sowie ihrer Notwendigkeit. Insbesondere für Deutschland lässt sich mit der Einrichtung einer universellen Pflegeversicherung festhalten, dass der Staat auf die gewandelte Situation reagiert hat. Dennoch ist diese Versicherung lediglich als Teilsicherung angelegt, die nicht alle Kosten der Pflege deckt.

Es kommt zu Widersprüchen: Einerseits sollen pflegende Familienmitglieder, und damit meistens Frauen, entlastet werden, andererseits reicht das Geld der Versicherung nicht aus, um eine vollständige Entlastung zu gewährleisten. Der Staat bürdet den Frauen auf diese Weise noch immer die Pflege-Arbeit auf und leistet auf der anderen Seite Unterstützung für informelle Pflegearrangements. Diese Pflegearrangements bestehen u.a. aus Nachbarn, anderen Familienmitgliedern oder privaten Haushalts- und Pflegehilfen. Die Versicherungsleistungen werden letztlich dazu verwendet, diese Personen in geringem Maße zu entlohnen.

Diese staatlichen Reglementierungen tragen dadurch wesentlich dazu bei, dass Migrationen die Pflege-Arbeit übernehmen. Die Dienstleistungsfreiheit in der Europäischen Union sieht vor, einen sechsmonatigen Aufenthalt für DienstleisterInnen anderer Mitgliedstaaten zu bewilligen. Migrantinnen bieten dabei ihre Tätigkeiten häufig preiswerter als im deutschen Standard an, wodurch die Entscheidung, begünstigt durch die geringen Zahlungen der Pflegeversicherung, auf ausländische Arbeiterinnen falle, die entlang der Armutsgrenzen einwandern.

Prekariat in allen Lebenslagen

Ergebnis dieser Eigenlogik ist, dass die Plege-Arbeit leistenden Migrantinnen in ein prekäres Arbeitsverhältnis sowie eine insgesamt missliche Lebenssituation eintreten. Sie erhalten wenig gesellschaftliche Anerkennung ihrer Leistung im privaten Bereich, sind ihren Auftraggeberinnen sozioökonomisch unterlegen und werden gering entlohnt. Verstärkend hinzu kommt ihr Aufenthaltsstatus als befristete Dienstleisterinnen sowie die Abwesenheit von ihrer Heimat.

Die Prekarität ist damit sowohl in der formalen Struktur, der Arbeitstätigkeit selbst sowie der Lebenslage zu finden.

Die formale Struktur:

  • Migrantinnen dürfen im Rahmen der EU-Richtlinien für sechs Monate befristet einreisen und eine Dienstleistung anbieten. Durch den begrenzten Aufenthaltszeitraum kommt es für die Frauen zu einer Unsicherheit. Sie wissen nicht, ob sie in ihrem Herkunftsland bei ihrer Rückkehr einen neuen Job erhalten würden, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.
  • Hinzu kommt, dass vom deutschen Staat keine universellen Rekrutierungsprogramme für Pflege-Arbeiterinnen eingerichtet wurden. Dies fördert zum einen die Tätigkeiten der Agenturen und zum anderen die private, inoffizielle Vermittlung über soziale Kontakte, bei der die Migrantinnen letztlich illegal nach Deutschland kommen und dort privat bezahlt werden.
  • Häufig wird kein Arbeitsvertrag abgeschlossen, was die Illegalität unterstreicht sowie den Frauen die Möglichkeit nimmt, auf festgelegte (Arbeits-)Rechte zurückgreifen zu können.

Die Arbeitstätigkeit:

  • Die Arbeitstätigkeit selbst, die Pflege-Arbeit, ist ebenfalls als prekär anzusehen, da sie kaum arbeitsrechtlich kontrolliert werden kann. Soziale Standards werden häufig nicht eingehalten.
  • Meist leben die Frauen in sogenannten live-in Situationen im Haushalt der pflegebedürftigen Person und leisten eine 24-Stunden-Betreuung an sieben Tagen der Woche. Dies überschreitet die gesetzlich festgelegte Maximalarbeitszeit von acht und in Ausnahmefällen zehn Stunden.
  • Weiterhin kommt es zu einer Entgrenzung von Arbeit und Freizeit. Die Migrantinnen geraten in eine permanente Abrufbereitschaft, die zu sozialer Isolation, dem Gefühl der Langeweile oder aber dem Empfinden von absoluter Überlastung führen kann. Der private Sektor, in dem die Pflege-Arbeit stattfindet, bietet zudem Platz für missbräuchliche Situationen.
  • Begünstigt durch das private Umfeld, in dem die Tätigkeiten stattfinden, kommt es letztlich auch zu einer Entgrenzung zwischen professionellem und Laienhandeln: Die Fähigkeiten, einen Haushalt zu umsorgen, werden dabei als Alltagskompetenz der Frau angesehen. Dies vernachlässigt, dass die Pflege-Arbeit wie Waschen und Anziehen, aber auch Medikamentenzuteilung und Wundversorgung, eine Professionalität sowie bestimmte Qualifikationen voraussetzen.

Die Lebenslage:

  • Ein Normalarbeitsverhältnis garantiert einen gewissen Wohlstand und entspricht den Qualifikationen des Arbeitnehmers. Für die Pflege-Arbeiterinnen gestalten sich diese Punkte problematisch. Sie gehen keinem Normalarbeitsverhältnis nach, wenn sie illegal bzw. über eine Selbstständigkeit die Pflege-Arbeit übernehmen.
  • Basierend auf der Illegalität werden häufig Löhne fernab rechtlicher Standards gezahlt, wodurch die Erwirtschaftung von Wohlstand unmöglich scheint. Verstärkend hinzu kommt die Abschätzung der Plage-Arbeit selbst. Die Pflege als sogenannte „touch work“ gilt in der Gesellschaft als schmutzig.
  • Das Gefühl, sich selbst in einer prekären Lebenslage zu befinden, wird durch die Dequalifizierung der Frauen verstärkt. Die Migrantinnen kommen nach Deutschland und erfahren, dass ihre Qualifikationen nicht anerkannt werden, selbst wenn sie im Vergleich zu den Bildungsstandards im Herkunftsland einen hohen Bildungsgrad erreicht haben.

Zusammengefasst heißt dies, dass Migrantinnen häufig einen illegalen Status haben, der sie in eine Abhängigkeit zu ihren AuftraggeberInnen bringt und Niedriglöhne abseits rechtlicher Festsetzungen möglich macht. Wenngleich es ihnen mit der Pflege-Arbeit möglich wird, Geld zu erwirtschaften und ihren zurückgebliebenen Familien zugutekommen zu lassen, müssen sie dafür die Dequalifizierung, Überforderung, gesellschaftliche Abwertung sowie die Trennung von der Familie akzeptieren. Von einem Gewinn für die Frau kann demnach nicht gesprochen werden. Einzig die AuftraggeberInnen dürften von der Beschäftigung einer Migrantin profitieren. Besonders, wenn diese mit illegalem Status ihrer Willkür im Arbeits- und Lohnumfang unterliegt.

Mangelhaftes Handeln des Staates im Bereich der Pflege-Arbeit

Hier kann ein mangelhaftes Handeln des Staates attestiert werden. Mit der Pflegeversicherung als Teilsicherung bleibt den Angehörigen keine Möglichkeit, die Pflege-Arbeit vollständig an Fachkräfte abzugeben. Sie müssen nach Alternativen suchen. Weitere Bekräftigung erhält dieses Vorgehen durch den Mangel an einem offiziellen, universellen Rekrutierungsprogramm für Pflege-Arbeiterinnen, über das ihnen Rechte sowie eine soziale Sicherung zugesagt werden.

Letztlich zeigt sich eine Wechselseitigkeit von Gesellschaft, Staat und Globalisierung, die am Ende zu einem prekären Schicksal der migrierten Pflege-Arbeiterinnen beiträgt.

Wenn es gelingt, diese Wechselseitigkeit zu unterbrechen, kann es zu einer Verbesserung für die im Bereich der Pflege-Arbeit tätigen Migrantinnen in Deutschland kommen.

Dafür müssen die Gesetze und Rechte sowie Kontrollen von Seiten des Staates geändert und verbessert werden. Darauf aufbauend kann ein Wandel der gesellschaftlichen Werte und Normen erfolgen und allmählich institutionalisiert werden und in Folge zusammen mit den staatlichen Maßnahmen zu einer Verbesserung der Pflegearrangements sowie der Lebenssituation von Pflege-Arbeiterinnen führen.

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Ein Gedanke zu „Pflege-Arbeit, Globalisierung und Migration

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