Taksim Proteste: Denn überall sind wir

Taksim

Im arabischen Frühling, bei den Protesten in der Türkei auf dem Taksim, waren die sozialen Medien die Kommunikationsbasis. Dort geschah die Action.

„Der Taksim-Platz in Istanbul ist wieder stark unter Beschuss, wir brauchen euch hier“, „Hier findet ihr Nummern von Anwälten, Doktoren und Orten, wo ihr euch aufhalten könnt“.

Im Sekundentakt Hilferufe, Fotos, Neuigkeiten.

Wir, ein paar in Istanbul lebende Ausländer, trafen uns, um zu entscheiden, wie wir uns involvieren sollten. Wir konnten berichten, übersetzen, unsere Freunde anschreiben, unsere Länder aufmerksam machen.

„Her Yer Taksim, Her Yer Direniş“ – Überall ist Taksim, überall ist Widerstand.

Und überall war Taksim.

Meine Freundin aus Bochum wusste Bescheid genau wie ich, genau wie ein Freund aus den Philippinen. In Minuten tauschten wir uns aus, zeigten einander Videos, teilten Artikel und planten Aktionen.

Auf Internet – Plattformen wie Change.org wurden Unterschriften gesammelt um CNN International auf die Berichterstattung von CNN Türk aufmerksam zu machen. Nach drei Tagen Tränengas und Wasserwerfern begann der nationale Sender, der in Kooperation mit CNN International stand, darauf hin auch davon zu berichten. Nun erfuhr auch die breite Bevölkerung in der Türkei von den Unruhen.

In Deutschland, in Spanien, in den USA gab es Demonstrationen, Versammlungen. Jeder wurde informiert, jeder bildete sich eine Meinung und konnte handeln.

Durch den Druck von innen, der nie so groß geworden wäre ohne unabhängige Berichtserstattung eines jeden einzelnen von uns auf Facebook und Twitter, und den Druck von außen, der durch die Einzelnen in den Ländern, durch Versammlungen, Demonstrationen, Unterschriftenaktionen hervorgerufen wurde, brach man das Parkprojekt in Istanbul ab und es blieb bei kurzzeitigen Verhaftungen, Tränengas und Wasserwerfern.

Die Social Media Plattform lässt uns alle teilhaben. Teilhaben und teilnehmen.

Die Macht der Information und der sekundenschnellen Kommunikation von Istanbul nach Ankara, von Izmir nach Berlin, Brüssel, Barcelona oder Buxtehude ließ uns alle teilhaben, teilhaben und teilnehmen. Nicht als Beobachter, dem Nachrichten zukommen, die so weit weg scheinen. Sondern Informationen aus erster Hand, die diskutiert werden konnten, und auch Möglichkeiten, das Geschehen direkt zu beeinflussen. Ein Geschehen, dass sich physisch auf einem öffentlichen Platz im Zentrum Istanbuls befand, dessen Kampf aber größtenteils im Internet über Social Media ausgestanden wurde.

Über diese Plattform rückte man nah zusammen. Stand nebeneinander. Eine riesige virtuelle Kette von Unterstützung und Beistand.

Diese Nähe zu Ereignissen, die Nähe zueinander über physische, nationale Grenzen hinweg gibt ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl. Man ist Weltbürger. Man kann miterleben, was passiert. Man kann dies bewerten und sich einbringen. Und die virtuellen Handlungen haben Einfluss. Denn sie spielen sich nicht neben der Realität ab, sondern sind Teil von ihr geworden. Die virtuelle Welt der Social Media lässt unsere globale Gesellschaft so zusammen rücken, wie wir es als real empfinden. Nicht die Ländergrenze Türkei – Deutschland, bei der man sich sein Visum oder seine Aufenthaltsgenehmigung besorgen muss, und dann in der Reihe „Ausländer“ steht, empfinde ich als „real“ bezogen auf die Beziehung mit den Menschen: meinen Freunden hier oder dort, in Deutschland, Dänemark, der Türkei.

Auf der Social Media Plattform stehen sie alle nebeneinander. Dort höre ich von Geburtstagsparties in Mannheim, sehe Fotos von Halloween aus Frankreich, kommentiere ein Video über Recycling in Tschechien, diskutiere mit Freunden über Erdogans letzte Rede.

Denn Taksim ist überall.

 

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