Solange der Wettergott uns gnädig ist

Ein unorthodoxer Wetterbericht aus New York

Wetter

WikiImages / Pixabay

„Ist das wieder eine unerträgliche Hitze heute.“ „Wie wahr. Doch heute Abend gewittert es. Morgen brauche ich dann wieder meine Gummistiefel.“ Smalltalk dieser Art wird unzählige Male tagtäglich in unseren Breiten ausgetauscht. Verständlicherweise ist das Wetter so ein beliebtes Gesprächsthema: Es ist unverfänglich und egalitär. Jeder ist davon betroffen, jeder kann etwas dazu sagen. Doch in New York spielte das Wetter in den letzten Jahren nicht nur eine oberflächliche Rolle. Denn das lokale Klima scheint sich in seinen Sturm- und Drangjahren zu befinden. Hurrikan Sandy, die Schneestürme, extreme Hitze, Überflutungen, bittere Kälte. Und diese Wetterextreme können als Vergrößerungsglas genutzt werden, um die Seele der modernen Gesellschaft zu betrachten.


—— Abstract EN ——

As long as the weather gods favor us. An unorthodox weather report from New York City. 

From Hurricane Sandy to snow storms to extreme heat, New York City has experienced the vagaries of weather in recent years.  How New York reacts to the weather is very telling about its people. The rich and poor are warmed and cooled by the same winter and summer, yet the weather doesn’t affect all people equally.  But when weather disrupts “business as usual”, solidarity rekindles. I argue that the weather extremes remind us all of our common humanness, and diminish competitiveness and materialism. But how durable is this impact?  There is a danger that the gained perspective is to be outshone by the sense of control over nature, not to mention our self-centered hedonism. The call is for this community to be more conscious and responsible – on the local but also on the global level.


 

An den Hitzetagen des Sommers 2013 forderte der damalige Bürgermeister die New Yorker auf, sich in öffentliche Gebäude zu begeben, sollte zu Hause die Klimaanlage nicht funktionieren. Und ja nicht vergessen, genug zu trinken. Besonders das Leben älterer Menschen könnte in Gefahr sein. In der Tat mutieren vor allem die glitzernden Glas-Hochhäuser bei Temperaturen um die 40 Grad Celsius ohne Kühlung zu tödlichen Treibhäusern. Die Erinnerung an den Sommer schien fast schon eine Fata Morgana, als sich im folgenden Winter mit Temperaturen um die -16 Grad Celsius der neue Bürgermeister mit Schneesturm- und Kältewarnungen an uns wandte. Man solle wenn möglich das Haus nicht verlassen. Und auf keinen Fall versuchen, auf den vereisten Straßen Auto zu fahren. Und ja alle Extremitäten gut einpacken, sollte man sich doch nach draußen wagen. Besonders Kinder seien gefährdet, Erfrierungen zu erleiden.

Das Wetter schert sich nicht darum, ob jemand arm oder reich, schwarz oder weiß ist.

Die Wetternachrichten und Aufrufe zur Vorsicht sind an alle New Yorker gerichtet. Wir sind alle verwundbar, wenn beispielsweise ein Schneesturm über die Stadt herzieht. Der Topmanager, der nicht zu seinem Meeting fliegen kann, weil der Flugverkehr eingestellt wurde, und auch der Essensstandbetreiber, der seinem Geschäft nicht nachgehen kann. Das Wetter schert sich nicht darum, ob jemand arm oder reich, schwarz oder weiß ist. Gemäß dem Motto: „Der Sturm kümmert sich nicht darum, unter welcher Flagge das Schiff segelt“ (Walter Ludin).

Doch die egalitären Töne, die die Naturgewalten anstimmen, haben ihre Kontrapunkte. Selbst wenn wir gleich betroffen sind, sind wir verschieden verwundbar. So wurde in wohlhabenderen Vierteln der Schnee viel schneller geräumt als in ärmeren Gegenden. Und natürlich ist man weniger von Stromausfällen beeinträchtigt, wenn man einen eigenen Generator im Haus hat, wie in Luxushochhäusern oder Vorort-Villen. Hurrikan Sandy hat ähnlich wie schon Kathrina in New Orleans die ärmeren Gemeinschaften besonders hart getroffen. Armut korreliert nicht nur mit Schaden, sondern die Ärmsten sind es auch oft, die am wenigsten Hilfe in Anspruch nehmen können. Viele undokumentierte Einwanderer wagten es aufgrund ihres Status nicht, sich an die Hilfsprogramme zu wenden, nachdem der Sturm sie obdachlos gemacht hatte. Und viele Menschen, die entweder zu gebrechlich waren oder sprachliche Barrieren hatten, folgten den Evakuierungsaufrufen vor dem Sturm nicht – und waren dann in ihren Behausungen ohne Heizung, Strom und Wasser gefangen. Die Liste der Beispiele kann endlos fortgeführt werden. Die New Yorker und die Wetter-Desaster: Nicht einfach Gleichheit, sondern Ungleichheit unter Gleichen – oder anders herum.

Die Naturgewalten legen die Seele der New Yorker Gesellschaft frei. Sie spiegeln die sozioökonomischen Verhältnisse wider und zeigen unsere Verwundbarkeit auf. Und auch die dunkle Seite der menschlichen Natur trat hervor: Es gab Szenen von Plünderungen und von handgreiflichen Streitigkeiten an Tankstellen um das knappe Benzin. Doch es überwog die gute Seite. Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität wurden bestärkt. Die Wetterextreme hatten einen gemeinschaftsfördernden Effekt im individualistischen Amerika. Nach Hurrikan Sandy beherbergten Menschen in weniger betroffenen Gebieten Freunde und Bekannte bei sich. Zahlreiche Freiwillige meldeten sich für die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten in verwüsteten Gegenden. An ihren freien Sonntagen schaufelten sie Schutt, statt Shoppen zu gehen. Unzählige New Yorker spendeten Geld, Güter und Zeit für ihre Mitbürger. Beispielsweise wurde die nach den Hurrikan-Schäden vorm finanziellen Ruin stehende Redhook Winery durch Weinspenden von anderen Weinhändlern – ihren Konkurrenten auf dem Markt – vor dem Konkurs gerettet.

Wenn das Wetter unsere Routine mehr oder weniger beeinträchtigt, bringt es uns dazu, miteinander zu kommunizieren.

Vielleicht wurde dieses Besinnen auf den Wert der Solidarität gerade erst durch die von den Wetterextremen aufoktroyierte Pause im modernen Leben möglich. Die Natur fungierte als unerwartetes Stoppschild. Wenn das Wetter unsere Routine und das Verfolgen unserer individuellen Angelegenheiten mehr oder weniger beeinträchtigt, bringt es uns dazu, aufzuschauen, einander anzuschauen, miteinander zu kommunizieren. Allein die sturmbedingten Stromausfälle werfen uns aus der gewohnten Bahn. Wenn wir nicht mehr ständig beschallt und von Reizen überflutet sind, öffnet sich Raum für die Fragen nach dem, was uns wirklich wichtig ist. Die erzwungene Pause im üblichen Treiben kann nach anfänglichen Entzugserscheinungen zur Wohltat werden. Nicht Konsumieren und Haben, sondern einfach Sein.

Die Ausnahmezustände, die durch die Natur hervorgerufen werden, sind wie ein Nadelstich im großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen System, das wir alle fast schon als gottgewollt akzeptieren und nicht fundamental zu hinterfragen wagen. Wenn die Infrastruktur ausfällt, erlahmt das Wirtschaften. Die New Yorker Börse war an zwei Tagen nach Hurrikan Sandy geschlossen. In Folge von Sturm und Schnee kam es immer wieder zu tagelangen Ausfällen im Schulbetrieb. Hilflos und verirrt wirkten da die Anordnungen etlicher Arbeitgeber nach Hurrikan Sandy, jede(r) Mitarbeiter(in) habe im Büro zu erscheinen. Obwohl es dort keinen Strom gab. Obwohl es an Transportmöglichkeiten mangelte. Da schien ein System durch, das keine Gewalt über sich anerkennen will.

Obwohl der Markt in seine Schranken verwiesen wurde, ging das Leben weiter – vielleicht wie geschildert menschlicher als zuvor. Aber natürlich griffen die üblichen gesellschaftlichen Mechanismen auch in einer Ausnahmesituation wie nach Hurrikan Sandy bald. Die Wirtschaft freute sich darüber, dass nun der Absatz an Fernsehern und Autos zunehmen wird, nachdem so viele von diesen der Natur zum Opfer gefallen waren. Die Nachrichtenkanäle sendeten Bilder von Zerstörung und Verzweiflung, um so die Massen zu unterhalten. Einzelne Individuen verkauften ihre Opfer- oder Heldengeschichten in Zusammenhang mit den Katastrophen für gutes Geld an die Medien. Politiker wie der Gouverneur von New Jersey verstanden es geschickt, die Folgen von Sandy für den Wahlkampf auszuschlachten. Unternehmen forderten von ihren Mitarbeitern, die verlorene Produktivität mit Überstunden wieder wettzumachen. Immobilienspekulanten profitierten von den zerstörten Häusern und ihren finanziell ruinierten Besitzern.

Der Mensch herrscht über die Natur, und für das Wetter als Spaßverderber ist kein Platz.

Fast drei Jahre sind nun seit Hurrikan Sandy vergangen. Auch den erdrückend heißen Sommer und den bitterkalten Winter haben wir hinter uns gelassen. Kein Sturm zeichnet sich am Horizont ab. Das Wetter ist auf seine Rolle als Gesprächsstoff für belanglosen Smalltalk reduziert. New York scheint ihre Normalität wiedergefunden zu haben. Die Stadt verwöhnt uns mit kostenlosen Konzerten, mit Tanz, Theater, Freiluftkino und Feuerwerk. Die bunte Vielfalt an Menschen, Reich und Arm, Schwarz und Weiß, Einwanderer und Einheimische, sie alle füllen die Straßen mit Energie und Leben. Orthodox-jüdische Familien, Transvestiten und Börsianer picknicken nebeneinander und desinteressiert aneinander und erfreuen sich gleichermaßen am malerischen Sonnenuntergang über dem Hudson-Fluss. Ein Obdachloser gesellt sich zur kostenlosen Yoga-Stunde am Pier 1. Wir grüßen alle die Sonne. Man feiert das Leben, und es erscheint so, als feiert man den erneuten Sieg über die Natur. Der Hitze werden hoch klimatisierte Büros und U-Bahn-Züge entgegengehalten. Das Surren der Klimaanlagen ist das Grillenzirpen der Großstadt. Und sollte es doch einmal eine nicht so laue Sommernacht geben, stehen die Heizstrahler bei allen Freiluftsitzen bereit. Alles scheint unter Kontrolle zu sein, mit Regen am Tag des Pferderennens als größtes unkalkulierbares Unglück. Der Mensch herrscht über die Natur, und für das Wetter als Spaßverderber ist kein Platz.

Doch bei all dem Zukunftsoptimismus und dem Hedonismus, die zu den kulturellen Grundlagen dieser Metropole gehören, steckt Etlichen der Schrecken, den die Naturgewalten erzeugt hatten, noch in den Knochen. Und in ihrem Portemonnaie. Dies gilt besonders für die Opfer von Hurrikan Sandy. Menschen, die physischen Schaden genommen haben, zum Beispiel bei den Bränden in Queens in Folge einer vom Sturm heruntergerissenen Stromleitung. Menschen, deren Hab und Gut den Fluten zum Opfer gefallen sind. Aber auch für diejenigen unter uns, die unbescholten davongekommen sind, kann der Schnee nicht einfach Schnee von gestern sein. Zwar haben hier viele Menschen immer noch Zweifel am Phänomen des Klimawandels. Sie belächeln die Wetter-Warner und Vorbeuger ähnlich wie diejenigen, die immer noch von der Finanzkrise sprechen – oder gar vor einer erneuten Krise warnen. Dennoch sickert bei etlichen die Erkenntnis durch, dass diese Wetterextreme wohl die neue Realität sind, und nicht nur eine unglückliche Ausnahmeerscheinung waren.

Ich habe Hoffnung, dass etwas Positives geblieben ist von den bisherigen Wetter-Desastern. Einsichten. Ein Nachklang an Solidarität und Gemeinschaftsgefühl. Ein Bewusstsein von dem, wo die eigenen Werte wirklich liegen – jenseits von Wettbewerb und materiellem Besitz. Und eine Wertschätzung dessen, was wir meistens als selbstverständlich erachten: Ein komfortables zivilisiertes Leben, das die Natur weitgehend unter Kontrolle hat. Vielleicht haben wir gelernt, dankbarer zu sein. Für unsere Privilegien. Privilegien, die wir nicht zuletzt deshalb genießen, da wir auf der Nordhalbkugel sind. Denn nicht nur auf lokaler Ebene ist die Verwundbarkeit durch den Klimawandel ungleich verteilt. Das Gros der Rechnung für unsere Klimasünden wird nach wie vor woanders auf unserem Globus gezahlt. Gleichzeitig hält sich New York für die Welt und dreht sich um sich selbst. Wer Brot hat, ist froh darüber. Und alle genießen die Spiele. Solange der Wettergott uns gnädig ist.

Von Eva Maria Fischer

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