Überlegungen für den Alltag – Kolumne von Ulf Posé

Acht Superreiche besitzen mehr Geld als die Hälfte der Weltbevölkerung.

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Kennen Sie Oxfam? Oxfam ist ein internationaler Verbund von verschiedenen Hilfs- und Entwicklungsorganisationen. Oxfam arbeitet weltweit dafür, dass sich Menschen in armen Ländern nachhaltige und sichere Existenzgrundlagen schaffen können, Zugang zu Bildung, gesundheitlicher Versorgung, Trinkwasser und Hygiene-Einrichtungen sowie Unterstützung bei Krisen und Katastrophen erhalten. Ein weiteres wichtiges Ziel ist Geschlechtergerechtigkeit.
Die Organisation Oxfam hat vor wenigen Tagen weltweit die Medien elektrisiert. Die acht reichsten Menschen der Welt besitzen mehr Geld, als 3,6 Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Die Methoden, die Oxfam benutzt, beruhen zum großen Teil auf Schätzungen. Das wird zu Recht auch kritisiert. Aber selbst wenn es 50 Menschen gäbe, die mehr Geld insgesamt besitzen als die Hälfte der Weltbevölkerung. Was sagt uns das?
Dieser Reichtum wirkt durch den Vergleich besonders pervers. Und mag die Empörung noch so groß sein, es liegt nicht unbedingt an den Reichen, dass die Hälfte der Weltbevölkerung weniger Geld zur Verfügung hat, als die acht reichsten Menschen unserer Erde. Die Superreichen haben keine persönliche Schuld an den Zuständen. Es liegt am Wirtschaftssystem. Dieser Reichtum kommt nicht dadurch zustande, dass Warren Buffet, Bill Gates, Mark Zuckerberg und andere Menschen ausgebeutet haben. Er kommt durch die Börse zustande.
Gleichwohl ist der Aufschrei groß. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Kluft zwischen arm und reich immer mehr auseinandergeht. Nicht wenige Menschen fragen sich, was muss, was kann passieren, damit sich die Reichtumsverhältnisse hin zu mehr Verteilungsgerechtigkeit ändern?

1. Mehr Verteilungsgerechtigkeit

Ein probates Mittel, von Politikern immer wieder gefordert, ist eine Steuererhöhung, um das Geld dann anders, hoffentlich besser zu verteilen. Das wäre also die erste Frage, was geschieht mit diesem ungeheuren Reichtum? In der Bundesrepublik verdienten 2015 ein Prozent der Einkommenssteuerpflichtigen jeweils € 216.385 und mehr.

Die zu zahlende Einkommensteuer dieser Großverdiener betrug 21,4 Prozent der gesamten Einkommenssteuer. Würde das Geld auf mehr Menschen verteilt, also keiner verdient mehr € 216.385,00 pro Jahr, sondern durch Umverteilung nur noch € 21.638,50 pro Jahr, dann bekäme unser Staat durch die Einkommensteuer nur noch rund 2 Prozent statt 21,4 Prozent des Einkommenssteueraufkommens. Aber selbst wenn die Einkommenssteuer drastisch erhöht würde, durch hohe Besteuerung den Reichen also das Geld wegzunehmen, führt leider nicht automatisch dazu, dass es Politiker sozial verträglicher und gerechter verteilen. Selbst der SPIEGEL schrieb schon vor Jahren, ‚der Sozialstaat deutscher Prägung’ sei ‚zum Monstrum geworden, das an seiner eigenen Größe zu ersticken’ drohe. Der SPIEGEL kam sogar zu der Überzeugung, dass unser Sozialstaat ‚zutiefst ungerecht’ sei ‚weil er seine Leistungen oft willkürlich und nicht selten an den wirklich Bedürftigen vorbei’ verteile. Den höchsten Steuersatz für Einkommen weltweit hat übrigens Indien. Prozentual zahlen die reichen Inder also mehr als wir. Wir liegen erst an 10. Stelle. Etwas polemisch könnte draus gefolgert werden, dass es aufgrund der Steuersätze den Indern insgesamt besser gehen müsste als uns.
Ethisch betrachtet wäre die hohe Besteuerung großer Vermögen eine Einflussnahme auf die Verteilungsgerechtigkeit. Nun ist es jedoch so, dass die Superreichen ihr Geld nicht nur für den Eigenkonsum nutzen, sondern sie stellen (nicht alle!) das Geld der Weltgemeinschaft in großen Mengen wieder zur Verfügung. Die Bill & Melinda Gates Stiftung zum Beispiel investiert seit Jahren Millionen in die Malaria Forschung. Das Ergebnis: 25 Prozent weniger Infizierte weltweit in den letzten 12 Jahren und 42 Prozent weniger Todesfälle. Im amerikanischen Verständnis von Reichtum (sechs der acht Superreichen sind Amerikaner) ist tief verankert, dass die Reichen durch Spenden und Stiftungen einen Großteil Ihres Vermögens der Gesellschaft zur Verfügung stellen. Auch in der Bundesrepublik stellen die Reichen ebenfalls einen Großteil ihres Geldes der Gesellschaft zur Verfügung.
Im Kern bezweifle ich, dass eine andere Form der Besteuerung die Verhältnisse auf der Welt grundlegend ändert. Trotzdem wäre es möglich. Wir können nicht beweisen, was geschieht, da wir es noch nicht ausprobiert haben. Wie stark der Konsum durch die Umverteilung angekurbelt wird, und dadurch wieder Steuereinnahmen sprudeln, müsste berechnet werden.
Eines ist jedoch sicher: durch Umverteilung verändert sich der Steuersatz. Und genau das führt in Summe zu weniger Steuereinnahmen im Bereich der Einkommenssteuer für den Staat.

2. Das Wirtschaftssystem ändern

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Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, über die ebenfalls öffentlich diskutiert wird. Wir schaffen den Kapitalismus ab. Hört sich ziemlich verwegen an, jedoch wäre es möglich, dass der Kapitalismus in seinen letzten Zügen liegt. Es gibt kein Wirtschaftssystem von ewiger Dauer. Der Merkantilismus zum Beispiel ist vorbei, die Planwirtschaft hat weltweit derzeit sehr wenige Befürworter, und auch der Kapitalismus ist letztendlich nur ein Wirtschaftssystem von begrenzter Dauer. Was danach kommt, weiß niemand. Die weltweite Aufregung über die sozialen Ungerechtigkeiten und die zunehmende Spreizung von Vermögen könnten eine Vorankündigung der letzten Zuckungen des Kapitalismus sein. Wikipedia ist eines der bekanntesten Beispiele, wie ein System auch außerhalb des Kapitalismus funktionieren kann.
Der Kapitalismus oder die Marktwirtschaft (auch die soziale) sind Systeme, Wirtschaftssysteme. Und Systeme neigen dazu, sich zu verselbständigen. Systeme haben nur zwei Absichten: erstens wollen sie sich stabilisieren, um dann zweitens zu expandieren. Das tun sie so lange, bis das System entweder implodiert, also in sich zusammen bricht (siehe Sozialismus im Osten) oder explodiert, also auseinander fliegt. Der einzelne Mensch hat darauf keinen Einfluss.
Was derzeit von Oxfam kritisiert wird, könnte sich also durchaus zu einem sozialen Tsunami ausweiten, der den Kapitalismus irgendwann wegfegt.

 

 
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