Ulrich Hemel: Die Wirtschaft ist für den Menschen da.

Ulrich Hemel

Rezension

Die neutrale Instrumentalität des Kapitals, also sein Werkzeugcharakter, verdeckt in vielen Fällen, wie tief die Verstrickung der Entstehung und der Verwendung von Kapital in die Beziehungsgeschichten der beteiligten Personen hineinführt.“ (Ulrich Hemel 2013, S. 147)

Der Direktor des Instituts für Sozialstrategie Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel ist Theologe, Philosoph, Unternehmensberater und Wirtschaftspraktiker. In seinem neuen Buch „Die Wirtschaft ist für den Menschen da. Vom Sinn und der Seele des Kapitals.“ betrachtet er die Beziehung des Menschen zum Kapital. Diese ist so allgegenwärtig und alltäglich, dass sie bislang zumeist unhinterfragt bleibt. Hemel analysiert den Prozess kapitalistischer Transformationen und führt ihn auf die Urformel „Tausche Geld gegen Träume“ (Ulrich Hemel 2013, S. 22) zurück. So wird ein Rückbezug der oft als kalt und unmenschlich erfahrenen Wirtschaft in die soziale Lebenswelt des Menschen möglich. Übersichtlich und verständlich illustriert Hemel sowohl die helle als auch die dunkle Seite des Kapitals und die daraus entstehenden Implikationen. Interdependenzen und Zusammenhänge der Trias Kapital/Wirtschaft/Mensch werden eindrucksvoll herausgestellt und beleuchtet:

Wertrationale und nutzenrationale Interessen fallen trotz aller Widersprüche langfristig zusammen. Denn Sinn, Bedeutung und soziale Anerkennung sind wesentliche Treiber wirtschaftlicher Tätigkeit, die damit eben immer auch sozial determiniert ist!“ (Ulrich Hemel 2013, S. 245)

„Tausche Geld gegen Träume“

Anschaulich und anhand vieler Beispiele aus dem Alltag werden komplexe, wirtschaftliche Sachverhalte analysiert. Dies macht das Buch zu einem angenehmen Leseerlebnis und auch für den Laien verständlich. Die vorhandenen Bezüge zur Philosophie und Theologie der genuin interdisziplinären Herangehensweise tragen aber auch zur aktuellen wissenschaftlichen Debatte bei: Hemels heuristisches Verständnis von Kapital ermöglicht einen umfassenden Rückbezug zum Feld der Wirtschaftsanthropologie: Ihm nach muss der wirtschaftende Mensch immer im Spannungsfeld zwischen Wettbewerb und Kooperation (Ulrich Hemel 2013, S. 211), zwischen seiner Verletzlichkeit und Schöpferkraft (Ulrich Hemel 2013, S. 245) betrachtet werden. Nur so kann, zum Beispiel im Anschluss an Karl Polanyi, ein Rückbezug des Ökonomischen in die gesellschaftliche Sphäre erfolgen.

Ulrich Hemel fordert eine Wirtschaft, die mitwirkt an der Gestaltung der globalen Zivilgesellschaft

Neben vielen Impulsen und Anregungen zur weiterführenden Lektüre führt der letzte Teil des Buches über die Theorie des Kapitals hinaus in den Bereich seiner Anwendung: So kann ein ganzheitlicher Kapitalbegriff in Kombination mit der Anerkennung der Herausbildung einer globalen Zivilgesellschaft die Grundlage bieten für eine wahrhaft soziale Marktwirtschaft – auch im moralischen Sinne. Der Gedanke der Ökosozialen Marktwirtschaft und weitere konkrete Projekte dienen hier als eindrucksvolle Fallbeispiele. Denn:

„Für die Realisierung solcher Gedanken wird Kapital benötigt, aber eben nicht nur Kapital. Die ursprüngliche kapitalistische Transformation ist der Tausch von Geld gegen Träume. […][Und] wir [sollten] Träume rund um die gelingende Gestaltung des sozialen Lebens nicht vorschnell aufgeben.“ (Ulrich Hemel 2013, S. 243)

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Über Sonja Knobbe

Sonja Knobbe ist seit 2011 am IfS tätig und vornehmlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Sie studierte in Mannheim und Toronto Philosophie, Betriebswirtschaftslehre und Politik und spezialisierte sich an der Ruhr-Uni Bochum im Rahmen des Masterprogramms “Ethics- Economics, Law and Politics” auf Wirtschaftsphilosophie.
Derzeit analysiert sie am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der TU Dortmund im Rahmen eines Promotionsprojektes den Begriff des wirtschaftlichen Handelns.

5 Gedanken zu „Ulrich Hemel: Die Wirtschaft ist für den Menschen da.

  1. Pingback: Ulrich Hemel im Interview mit den CSR-News | Institut für SozialstrategieInstitut für Sozialstrategie

  2. Die Wirtschaft im Kapitalismus ist eine Katastrophe. Manche Länder wie Deutschland haben es gut, aber die meisten nicht so sehr. Deshalb sollte man über Änderungen im System nachdenken, sodass alle Menschen egal woher die gleichen Möglichkeiten haben.

  3. Auch wir vom Institut für Angewandte Management Wissenschaften St. Gallen (AMWSG) können uns den vorherigen Kommentaren anschliessen. Es bedarf eines Umdenkens. Allerdings hakt es hier an der Grundeinstellung zu Unternehmungen und Wirtschaft. Gerade das St. Galler Management Modell versteht den Zweck von Unternehmungen und Wirtschaft in der Bereitstellung von Produkten und Dienstleistungen für die Gesellschaft, ist also systemisch ausgerichtet. Auch ist dieses Modell gerade für Manager heutiger Unternehmungen von grosser Relevanz und wird verstärkt nachgefragt. Also dürfen wir doch optimistisch in die Zukunft blicken. Mit besten Grüssen aus der Schweiz, Ihr Team vom AMWSG

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