„Sozialethische Unternehmensbegehung“

Sozialethische Unternehmensbegehung

Das Institut für Sozialstrategie hat in Zusammenarbeit mit dem Heinrich Pesch Haus, in einem Unternehmen in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz), erstmalig das vom Institut für Sozialstrategie entwickelte Konzept der „sozialethischen Unternehmensbegehungen“ umgesetzt. Dieses neu entwickelte Konzept hat zum Ziel, eine „innere Haltung“ in einem Unternehmen zu erkennen und durch Begegnung mit Außenstehenden eher fremde „Welten“ zusammen zu führen. Grundlage dafür ist u.a. der Gedanke, dass Betriebe sich von einer „habituellen Unternehmensethik“ leiten lassen (vgl. U.Hemel/A.Fritzsche/J.Manemann (Hrsg.), Habituelle Unternehmensethik, Baden Baden 2012).

Unternehmen leben einerseits von der persönlichen, inneren Haltung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere ihrer Führungskräfte. Andererseits prägen Unternehmen die Mitarbeitenden nachhaltig. Es entsteht eine eigene Unternehmenskultur von gemeinsamen Werten, Normen und Einstellungen, welche die Entscheidungen, die Handlungen und das Verhalten der Organisationsmitglieder beeinflussen.

Annäherung zwischen Unternehmen und wirtschaftliche Laien

Bei den „sozialethischen Unternehmensbegehungen“, gehen wirtschaftliche Laien (z.B. Religionspädagogen, an Wirtschaft und Ethik interessierte Studierende…) unter Anleitung von Sozialethikern direkt in die Unternehmen hinein und nehmen das Gespräch mit den Akteuren dort auf. Mit Hilfe eines Fragebogens als Leitfaden kann man sich der ökonomischen Praxis auf verschiedenen unternehmerischen Hierarchieebenen annähern und diese in Augenschein nehmen. Das soll zu einer beiderseitigen Annäherung der sich eher fremden „Welten“ führen, einerseits um dem Unternehmen zur Seite zu stehen, eine gute Unternehmenskultur zu entwickeln, und andererseits um sozialethische Themen praxisnah mit konkreten Unternehmenserfahrungen zu hinterlegen.

Das Ziel der sozialethischen Unternehmensbegehung ist kein klassisches Beratungsziel. Vielmehr geht es um eine „sozialethische Diagnose“, die das Unternehmen als Akteur der gegenwärtigen Zivilgesellschaft ins Spiel bringt und nicht mehr und nicht weniger tut, als beobachtete Phänomene zur Sprache zu bringen.

Am 8. Mai 2014 haben das Institut für Sozialstrategie (IfS) und das Heinrich Pesch Haus (HPH) in Ludwigshafen gemeinsam die erste „sozialethische Unternehmensbegegnung“ veranstaltet. Das Ziel der Begehung war die Glasbau- und Gebäudereinigungsfirma Fa. Kehl GmbH. Die Teilnehmer der Begehung waren Mitarbeiter des IfS, des HPHs und zwei Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Besuch des Unternehmens

Direkt vor der Begehung selbst fand ein Workshop mit den Teilnehmern statt, in dem das Konzept erläutert, der Fragebogen besprochen und Rückfragen gestellt wurden. Anschließend wurde das Unternehmen besucht. In einer kurzen Vorstellungsrunde wurden neben den Teilnehmenden auch das Unternehmen und dessen Unternehmensgeschichte präsentiert. Von besonderer Bedeutung war dabei, dass das Unternehmen ein in dritter Generation geführter Familienbetrieb ist, welcher Wert auf das Engagement in der eigenen Region auch über wirtschaftlichen Erfolg hinaus legt.

Die Gespräche wurden auf verschiedenen Hierarchieebenen geführt. Befragt wurden die Assistenz der Geschäftsführung (bzw. Leiter des Marketings), eine Vorarbeiterin, ein Abteilungsleiter, ein Facharbeiter aus der Produktion und sowohl eine gelernte als auch eine ungelernte Reinigungskraft. Durch die verschiedenen Perspektiven der unterschiedlichen Hierarchieebenen gab es divergierende Antworten auf die gestellten Fragen. Allerdings ließen sich auch einige Gemeinsamkeiten in den Ansichten bzw. inneren Haltungen der verschiedenen Mitarbeiter feststellen. Von großer Bedeutung scheint dabei der verstorbene Gründer, Franz Kehl, des Unternehmens zu sein. Dieser hat seine christlich geprägten Werte in sein persönliches Handeln als Führungskraft und damit letztlich in die Unternehmenskultur einfließen lassen. Dies hatte auch Auswirkungen auf das soziale Engagement des Unternehmens in der Region. So wurden diverse Vereine (Sport und Gesellschaft) und kirchliche Gemeinden in der Umgebung unterstützt sowie ein Brunnen für den öffentlichen Raum gespendet.

„Innere Haltung“ im Unternehmen

Im Unternehmen direkt ist vor allem aufgefallen, dass sehr viel Wert auf Freundlichkeit und Höflichkeit im Umgang mit den Kunden, aber auch untereinander gelegt wird. Dies ist zum einem natürlich der Notwendigkeit dieser Haltungen im wirtschaftlichen Kontext und in der spezifischen Branche des Unternehmens geschuldet. Ein gutes Erscheinungsbild ist laut Aussage der Unternehmensführung sehr wichtig in der Reinigungsbranche, aber diese Haltung hat sich auch innerhalb des Unternehmens durchgesetzt. Der freundliche und höfliche Umgang der Mitarbeiter untereinander war deutlich wahrzunehmen. Eine eigene offizielle Werte-Charta gibt es im Unternehmen nicht, jedoch hat sich sichtlich ein Leitbild von einem „guten Miteinander“ etabliert. Es hat sich in der Firma eine Art „Wir-Gefühl“ etabliert: Dies scheint nicht nur innerhalb der einzelnen Abteilungen und Hierarchieebenen der Fall zu sein, sondern auch über die verschiedenen Ebenen hinweg. Es wird aufeinander geachtet und sich umeinander gekümmert.

Es scheint in der Firma Kehl eine klar erkennbare innere Haltung zu geben, die – wie beschrieben- sehr auf Höflichkeit und einem guten Umgang miteinander fußt. Jedoch gibt es auch kleine Diskrepanzen. In der Außendarstellung legt das Unternehmen Wert auf ein umweltbewusstes Handeln. Dies ließ sich in der Unternehmensbegehung nicht überprüfen, es war jedoch auffällig, dass dieses Thema in den Gesprächen nie geäußert wurde. Dies lässt darauf schließen, dass „Nachhaltigkeit“ noch nicht Teil der inneren Haltungen ist oder zumindest nicht tief im Bewusstsein wurzelt.

Alles in allem war die Unternehmensbegehung eine tolle Erfahrung die zu spannenden Erkenntnissen geführt hat, gerade weil der Beitrag von Unternehmen zur Gestaltung der lokalen Zivilgesellschaft bewusst zur Sprache kommt und gewürdigt werden kann.

 

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